Vergebung und Gesundheit: Was Groll mit deinem Körper macht

Als ich an einem sehr emotionalen Wochenende gelernt habe, meinen früheren Peinigern zu vergeben, habe ich nicht erwartet, dass mein Körper danach anders reagiert. Und doch war genau das der Fall.

Im Pflegeheim sehe ich immer wieder dasselbe: Die unglücklichsten Menschen sind oft gar nicht die Kränksten. Es sind die, die ihr ganzes Leben sehr hohe Ansprüche an sich und andere hatten. Eine Bewohnerin ist mir dabei besonders geblieben. Ich habe schon einmal von ihr geschrieben: Sie hatte durch eine Atherosklerose ihr Bein verloren, war ihr ganzes Leben lang sehr selbständig gewesen, hatte nie geheiratet. Sie hatte Mühe, Anschluss zu finden, weil sie sehr eigen war, was sie noch einsamer machte. Jeden Abend schrieb sie sich englische Begriffe auf, die sie im Fernsehen gehört hatte, und einmal die Woche kam ich zu ihr und erklärte ihr alles. Sie regte sich jedes Mal auf, dass alle diese Begriffe benutzen würden, weil das alte Menschen ausschließe (Recht hatte sie.) Dieser Groll gegen die Sprache, gegen die Welt, gegen ihr Schicksal hatte sie von innen aufgezehrt. Sie war so unglücklich.

Später kam ein anderer Bewohner zu uns. Am Anfang ebenso sperrig, forderte er unser Leitungsteam enorm heraus. Dann beobachtete ich, wie sich etwas in ihm veränderte: Er hörte zu, fragte nach, erfuhr, wie andere ihr Leben gelebt hatten, und ließ irgendwann sein altes Leben hinter sich. Er fing an zu helfen, jenen, die nicht mehr so fit waren wie er, wurde einer unserer dankbarsten Bewohner, beteiligte sich an einem Schulprojekt, wo er sozial herausgeforderten Schülerinnen und Schülern half, Mut zu fassen, auf Menschen zuzugehen. Eine von ihnen besuchte danach eine politische Großveranstaltung, was für sie vorher völlig undenkbar gewesen wäre.

Zwei Menschen in einer ähnlichen Ausgangslage, mit am Ende vollkommen verschiedenen Lebensqualitäten. Was sie unterschied, war, wie viel Groll sie mit sich trugen.

Was ich nach Jahren in diesem Beruf wirklich glaube? Groll schadet niemandem außer dir selbst. Wer sich selbst nicht vergeben kann, vergiftet sich damit.

Das kenne ich auch von den Frauen, die zu mir kommen, nur führen die meisten diesen Krieg gegen sich selbst: wegen der Essattacke gestern Nacht, wegen der Diät, die wieder nicht geklappt hat, wegen dem Körper, der in ihren Augen nie gut genug ist. Die Liste ist lang.

Was Groll mit deinem Körper macht

Ich weiß, dass das nicht so einfach klingt, vor allem wenn Groll und Selbsthass ein altes Muster sind, das du schon früh gelernt hast. Doch glaub mir: Loszulassen, dir selbst zu vergeben und auch denen zu vergeben, die dir wehgetan haben, ist das Beste, was du für dich in deinem Leben jemals tun wirst. Das muss nicht von heute auf morgen passieren, sieh es ruhig als Lebensaufgabe an.

Dich jedes Mal für die Schokolade zu hassen ist traurig, klar, vor allem aber ist es regelrecht kontraproduktiv. Alle negativen Gedanken lösen Stress in deinem Körper aus, weil dein Gehirn nicht zwischen echt und vorgestellt unterscheiden kann. Vielleicht kennst du das vom Lesen: Ich liebe so richtig krasse Thriller und Horrorromane, und bei wirklich spannenden Szenen merke ich, wie mein Blutdruck hochschießt und mein Herzschlag schneller wird (Ich liebe es, weil ich weiß, dass ich nicht wirklich in Gefahr bin, eine angenehme Art von Stress). Wenn du dich aber unterschwellig permanent selbst verurteilst, passiert dasselbe, nur ohne den angenehmen Teil: Deine Nebennieren pumpen ständig Cortisol und Adrenalin in deinen Körper, du befindest dich dauerhaft im Fight-or-Flight-or-Fawn-Modus.

Was das bedeutet? Dein Körper stellt die Verdauung auf Sparflamme und lagert lieber Fett ein, weil er denkt: "Keine Zeit für Pausen, wir sind hier in Fledermaus Land!" 😉

Gleichzeitig werden Energiereserven mobilisiert, weil er glaubt, gleich vor einer Bedrohung weglaufen zu müssen, was die Lust auf schnell verfügbare Energie erhöht, also sehr Süßes und schnell Verdauliches. Worthington und Scherer haben das 2004 gemessen: Anhaltender Groll erhöht den Cortisolspiegel chronisch und schwächt das Immunsystem langfristig. Fred Luskin vom Stanford Forgiveness Project kommt zu denselben Ergebnissen: Groll macht sich körperlich bemerkbar, im Blutdruck, in der Entzündungsrate und im Herzrhythmus.

Der giftigste Groll ist der gegen dich selbst

Das meiste an Selbsthass, das ich bei Frauen sehe, ist internalisierte Misogynie. Wir wachsen mit dem Gefühl auf, dass alles Weibliche irgendwie schlecht ist: Du rennst wie ein Mädchen, sei kein Mädchen, sei hübsch, schlank, sportlich, aber bloß nicht zu muskulös. Die Vorgaben sind so widersprüchlich, dass man sie gar nicht alle erfüllen kann, und fast alle drehen sich ums Aussehen, was direkt ins Essverhalten durchschlägt. Ich hatte auch bis vor wenigen Wochen noch meine täglichen Kämpfe mit dem Körperbild. Das macht mich ehrlich gesagt traurig.

Die meisten Frauen verurteilen sich für die kleinsten vermeintlichen Schwächen: den dritten Keks, die gescheiterte Diät, das zugenommene Gewicht. Was mich dabei am meisten beschäftigt, ist, wie selbstverständlich diese Verurteilung geworden ist. Wie laut dieser innere Lärm wirklich ist: Ich bin zu dick, zu undiszipliniert, ich habe keine Willenskraft, ich schaffe das eh nie, ich muss mich schämen für meinen Körper, für mich selbst, ich bin falsch, ich bin nicht okay. Das wird so früh eintrainiert und ist so allgegenwärtig, dass er sich wie Hintergrundrauschen anfühlt. Höre deinen Gedanken mal einen Tag zu und schreibe mir, wie viele davon positiv sind.

Aber dein Körper hört zu. Dieser unterschwellige Stress, auch wenn du ihn kaum noch bewusst wahrnimmst, weil du dich so sehr daran gewöhnt hast, bleibt ein echter Stressor für dein Nervensystem. Weil Stress betäubt werden will, greifen viele zu dem, was am schnellsten hilft: Essen, am liebsten süß. Der Teufelskreis geht von vorne los.

Wenn du endlich loslässt

Wer loslässt, hat beide Hände frei. Du kannst dein Leben wieder anpacken und selbst gestalten, wenn du den Ballast endlich abwirfst.

Wie würdest du essen, wenn du keine Ernährungsregeln hättest? Wenn du aufhörst, dich danach zu bewerten, was und wie viel du isst, kann dein Körper endlich entspannen und richtig verdauen. Du schaltest in den Rest-and-Digest-Modus, in dem dein Körper Nahrung richtig verwertet, weil er nicht mehr alle Ressourcen für den Überlebensmodus braucht. Dein Nervensystem beruhigt sich, der parasympathische Zweig übernimmt die Führung, dein Herzschlag sinkt, dein Blutdruck auch, die Verdauungsorgane werden wieder durchblutet, und die Entzündungswerte gehen messbar zurück, sobald du aus dem mentalen Kampfmodus aussteigst.

Es fühlt sich entspannt und weit an.

Körper und Psyche sind ein System. Was du dir täglich über dich erzählst, landet direkt im Nervensystem, in der Verdauung, im Hormonspiegel. Solange Groll und Selbsthass das Programm laufen lassen, wird keine Ernährungsform der Welt das grundlegend ändern. Wenn du schauen möchtest, wo du gerade stehst, ist mein Quiz "Welcher Esstyp bist du?" ein guter Einstieg.

Wenn du tiefer gehen willst: In ERKENNEN, meinem 6-Wochen-Kurs, geht es genau darum, woher deine Muster kommen, wie du sie loslässt und wie du dir neue baust, die sich für dich wirklich richtig anfühlen. Schau gerne rein.

Sei lieb zu dir.

Du bist es wert.

Jeanne 💜

Medizinischer Disclaimer und Quellen

Alle Inhalte dienen ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzen keine medizinische, ernährungstherapeutische oder psychologische Beratung. Jeanne Loani ist zertifizierte vegane Ernährungsberaterin und Coach für pflanzliche Ernährung und intuitives Essen, jedoch keine Ärztin oder Heilpraktikerin.

Quellen

CHIP Curriculum Session 14: Practicing Forgiveness Worthington, E. L., & Scherer, M. (2004).

Forgiveness is an emotion-focused coping strategy that can reduce health risks and promote health resilience: Theory, review, and hypotheses. Psychology & Health, 19(3), 385–405. Luskin, F. (2002).

Forgive for Good: A Proven Prescription for Health and Happiness. HarperOne.

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